Strategy & Use Cases · Blog
Die Anwendungsfälle, die HandsOn ablehnt
Eine Strategie setzt einen Rahmen — sie wählt aus, was nicht gemacht wird, bevor sie auswählt, was gemacht wird. Deswegen ist das Refusal-Set die erste Bewegung jeder ernsthaften KI-Strategie.
5 Min. Lesezeit
11. Mai 2026
HandsOn Blog
„Wir haben jetzt ein KI-Strategie-Portfolio.“ Den Satz hören wir oft von Vorständen - dabei schwingt ein gewisser Stolz und die Überzeugung „am Zahn der Zeit zu sein“ mit. Wir werden dann schnell zum Spielverderber, denn: Ein KI-Projektportfolio und eine KI-Strategie sind nicht dasselbe. Eine Strategie unterscheidet sich darin, auf Basis definierter Rahmenbedingungen auszuwählen, was nicht gemacht wird, bevor sie auswählt, was gemacht wird. Das Portfolio ist dabei nicht mehr als eine initiale Shortlist an potentiellen Use Cases, jedoch bei weitem keine Strategie.
Damit die Problematik greifbarer wird, hilft das Beispiel eines fiktiven Mandants: ein Industriezulieferer, €1,2 Mrd Umsatz, drei Werke, eine Sparte, die seit zwei Jahren Marge verliert. Auf dem Tisch der Geschäftsführung liegt eine Liste von 34 KI-Use-Cases. Jeder Case hat einen Sponsor, einen geschätzten Business Case und eine Ampel. 31 davon stehen auf Grün. Der Strategiechef nennt das Dokument das „KI-Portfolio“. Die HandsOn-Antwort auf eine solche Liste ist nicht bei der Priorisierung zu helfen. Wir beginnen mit der Streichung von Use Cases: nach drei Stunden methodischer Arbeit am Refusal-Set bleiben dann noch 7 Cases, 27 fallen heraus. Meist führt das direkt zu Diskussionen mit dem Strategiechef, welcher die Liste initial mühsam erarbeitet hat. Er ist angefasst — denn er hat das Dokument neun Monate verteidigt.
Was der Markt mit Use-Case-Strategie macht
Die übliche Übung ist die 2×2-Matrix mit Kreisen drauf. X-Achse Business-Impact, Y-Achse Machbarkeit, die Größe der Kreise ist die geschätzte Investition. Oben rechts liegt die Quick-Win-Zone, dort wandern die Fälle hin, die der Sponsor gut präsentieren kann. Die schwierigen Fälle — meistens die mit der höchsten strukturellen Wirkung — wandern in die rechte untere Ecke und werden „auf das nächste Quartal verschoben“.
Das ist keine Strategie. Es wird ein Dokument produziert, das dem Vorstand ein gutes Gefühl vermittelt, gleichzeitig entsteht ein Pilot-Portfolio, das anschließend nicht skaliert. Die BCG/MIT-Erhebung von 2024 setzt den Anteil der mittelständischen KI-Initiativen, die aus dem Pilotstatus in den produktiven Betrieb gelangen, in die Größenordnung von 25 bis 30 Prozent. Der Rest wird in Folgequartalen gepflegt, gelegentlich umbenannt und am Jahresende stillschweigend in die Linie geschoben.
Der zweite von uns beobachtete Reflex, den wir überwinden müssen, ist ebenfalls gefährlich: das Argument „wir machen alle, denn alles ist wichtig“. Das Portfolio bleibt bei 34 Cases, die Roadmap streckt sich auf 18 Monate, und die Knappheit, die eine Strategie per se hat — Knappheit an Aufmerksamkeit, an Führungs-Bandbreite, an Datenarchitektur und an Adoptionskapazität der Mitarbeiter — wird wegmoderiert.
Niemand sagt nein. Damit hat niemand entschieden.
Wie HandsOn Use-Case-Selektion macht
Die HandsOn-Methode ist refusal-first. Wir bauen das Portfolio in zwei Bewegungen, und die erste Bewegung ist Streichen. Erst die zweite ist Auswählen.
Bewegung eins: das Refusal-Set. Bevor ein einziger Case auf eine Matrix kommt, schreiben wir auf, welche Klassen von Anwendungen das Unternehmen in diesem Geschäftsjahr nicht machen wird. Wir nutzen drei Filter:
Was nach diesen drei Filtern noch steht, ist das wirkliche Portfolio. Auf den fiktiven Industriezulieferer angewendet: 7 von 34 Cases. Davon tragen 4 Cases den strategischen Kern, 3 sind Lern-Cases, gewählt für den Aufbau interner Kompetenz, nicht für den ROI. Die anderen 27 werden nicht „verschoben“. Sie werden gestrichen. Das ist der Unterschied.
Bewegung zwei: die Selektion innerhalb des Restes. Erst hier kommt die Matrix-Logik zum Einsatz, und sie ist enger, als sie üblicherweise ist. Wir bewerten die verbleibenden Cases gegen das HandsOn AI Operating Model — sechs Domänen, von Strategy bis Operations — und prüfen für jeden Case, in welcher Domäne der Engpass liegt. Wenn der Engpass nicht in Strategy oder Use Case liegt, sondern in Governance oder Literacy, ist die Strategie-Engagement-Antwort: nicht jetzt. Erst die Domäne mit dem Engpass adressieren, dann den Case starten.
Was gut aussieht
Ein Use-Case-Portfolio nach diesem Schnitt ist erkennbar an drei Dingen.
Anti-Pattern
Das häufigste Anti-Pattern ist die Matrix mit Kreisen, beschrieben oben. Das zweite, gefährlichere, ist die Sequenzierungs-Lüge — alle 34 Cases bleiben drin, sie werden nur über 18 Monate verteilt. Damit hat niemand entschieden, niemand etwas verloren, niemand sich exponiert. Das Portfolio sieht aus wie eine Strategie, ist aber eine Verteilung. Im dritten Quartal merkt der Vorstand, dass die Bandbreite reicht für 4 Cases gleichzeitig, nicht für 12. Die anderen 8 fallen still. Wer das im Q1 entschieden hätte, hätte 9 Monate Aufmerksamkeit gespart.
Das dritte Anti-Pattern ist der Quick-Win-Reflex. Ein KI-Chatbot im HR-Self-Service produziert eine schöne Pressemitteilung und keinen Cent Margenwirkung. Ein Use-Case-Portfolio, das aus drei Quick Wins und einer Roadmap besteht, hat den schwierigsten Teil — die strategische Wahl — vermieden.
Wann eine Strategy-&-Use-Cases-Engagement das richtige Format ist
Nicht jedes Unternehmen, das KI-Beratung braucht, braucht zuerst eine Use-Case-Strategie. Fünf Signale machen den Unterschied — drei oder mehr Treffer, und die Use-Case-Auswahl ist die richtige Tür.
Wenn der Engpass woanders liegt — kein Inventar an laufenden Anwendungen, keine Klarheit über Hochrisiko-Klassifizierung, ein Kompetenzgefälle, das jede Strategie aushöhlt — ist die Strategy-Engagement nicht die erste Bewegung. Dann hilft zunächst die umfassende HandsOn Diagnostik, um die exakten Pain Points zu identifizieren.
Schluss
Drei Wochen nach der Streichung — wieder im fiktiven Beispiel — legt der Strategiechef das Refusal-Set dem Vorstand vor. Es sind 27 Streichungen auf einer einzigen Folie. Die Diskussion in dem Termin ist die längste des Jahres. Den meisten Vorständen fällt es schwer, zu priorisieren. Aktivität und eine lange Liste an zu implementierenden Cases gibt Sicherheit. Zumindest so lange, bis am Ende des Jahres Bilanz gezogen wird und man feststellt, dass Cases nicht umgesetzt oder viel schlimmer, ohne messbaren ROI und Adoption der Organisation umgesetzt worden sind. Dann muss man sich der viel unbequemeren Frage stellen: Was hat es eigentlich gebracht, die 34 Cases zu implementieren? Deshalb fangen wir bei HandsOn immer mit dem Streichen der UseCase Liste an, auch wenn das bedeutet, dass es direkt unbequem wird.
Strategy & Use Cases · Engagement
Welche Cases würden Sie streichen?
Das HandsOn KI Strategie Engagement hilft Ihnen dabei, die passenden UseCases zu identifizieren und anschließend in die fokussierte Umsetzung zu gehen.
